Visionen, Sinnsuche und Kirchenrettung

Visionen, Sinnsuche und Kirchenrettung

Neue Veranstaltungsreihe in Mönchengladbach nimmt katholische Gruppen und Bewegungen genauer unter die Lupe

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Wer möchte in der katholischen Kirche eigentlich was? Welche Gruppen und Bewegungen gibt es? Wie agieren sie? Versuchen sie öffentlich oder eher subversiv im Stillen Einfluss zu nehmen und wie viel Macht haben sie wirklich? Wo und wie sind sie in Deutschland aktiv? Und wie kann man die Aktivitäten dieser Gruppen bewerten?

Diesen Fragen widmet sich eine neue Veranstaltungsreihe in Mönchengladbach, die von der Beratungsstelle für Religions- und Weltanschauungsfragen des Bistums Aachen zusammen mit dem Kath. Forum für Erwachsenen- und Familienbildung ausgerichtet wird. Unter dem Titel „Visionen, Sinnsuche, Kirchenrettung?!“ wird an 4 Themenabenden ab dem 8. Februar jeweils eine Gruppe aus dem Spektrum des Katholizismus unter die Lupe genommen.

„Über viele dieser Gruppen ist leider ziemlich wenig in der Öffentlichkeit bekannt, weil sich die Berichterstattung über die katholische Kirche oft einseitig auf die Bischöfe bezieht“, so Daniel Huthmacher, Religionswissenschaftler und Fachreferent der Beratungsstelle für Religions- und Weltanschauungsfragen. Manche Bewegungen hätten sich im Kontext der Reformbemühungen der Kirche stark hervorgetan. Einige gerieten im Zuge der Aufdeckung sexualisierten oder geistlichen Missbrauchs berechtigterweise in die Kritik. Über andere werde wenig gesprochen, obwohl sie teils großen politischen und finanziellen Einfluss in der Kirche haben.

„Da lohnt es sich, genauer hinzuschauen“, ergänzt Huthmachers Kollege Hans-Willi Clahsen, der die Themenabende als Referent mitgestaltet. „Wir bekommen immer wieder Anfragen von Menschen, die selbst oder deren Angehörige mit der ein oder anderen Gruppe in Kontakt gekommen sind und die nun Informationen suchen, wie sie die Gruppe einschätzen sollen. Für diese, aber auch für alle anderen Interessierten ist die Veranstaltungsreihe gedacht. Wir möchten unaufgeregt und sachlich Informationen geben, aber auch kritische Punkte ansprechen und miteinander diskutieren.“

Verknüpfung von spirituellen und politischen Zielen aufdecken

Lucia Traut, Leiterin des Katholischen Forums für Erwachsenen- und Familienbildung und Mitinitiatorin der Reihe, fügt hinzu: „Das besondere an kirchlichen Gruppen und Bewegungen ist ja, dass sie neben einer religiösen Motivation, z.B. der Vertiefung von Spiritualität, immer auch politische, teils nicht ganz so offensichtliche Ziel haben. Das ist oft die Lenkung der Kirche in eine bestimmte Richtung, sei es moderner oder konservativer. Das werden wir diskutieren am Beispiel der Piusbruderschaft, aber auch anhand der Initiativen Maria 2.0 und ihrer Gegenbewegung 1.0.“ Die Gruppen könnten aber auch das Ziel haben, gesamtgesellschaftliches Leben in eine bestimmte Richtung zu lenken und das schon möglichst früh, durch das Engagement in Schulen und der Familienseelsorge. Es gebe aber auch Gruppen mit dem Ziel, möglichst viele kirchliche Ämter mit „eigenen Leuten“ zu besetzen, um Macht und Einfluss innerhalb der Kirchenhierarchie zu bekommen. Für beides stehen z.B. die sehr einflussreiche Gruppe der Legionäre Christi, der in der Reihe ebenfalls ein Abend gewidmet sein wird. „Unter dem Etikett ‚katholisch‘ gibt es dermaßen viele unterschiedliche Gruppen mit so unterschiedlichen Motivationen, Haltungen und Handlungsweisen – das wollen wir uns näher anschauen“, so die Theologin und Religionswissenschaftlerin.

Den Initiatoren der Reihe geht es ausdrücklich nicht darum, einen ‚fortschrittlichen‘ gegen einen ‚traditionellen‘ Katholizismus auszuspielen. Ihnen ist wichtig, dass die Teilnehmenden sich der nicht immer ganz unproblematischen, aber unvermeidlichen Verknüpfung von Glauben und Politik bei den Gruppierungen bewusst sind. Und dass sie die Strukturen und das Agieren religiöser, katholischer Gruppen und Bewegungen kennen und sie dann auch selbst kritisch beurteilen können.

Für Strukturen geistlichen Missbrauchs sensibilisieren

„Hier kommen übrigens Information und Prävention zusammen“, betont Daniel Huthmacher von der Beratungsstelle. „Denn gerade kleinere charismatische, spirituelle Gruppen oder Bewegungen können eine große Faszination und Bindungskraft auf ihre Mitglieder entfalten. Und dann kann es leider auch zu geistlichem, aber auch sexualisiertem Missbrauch kommen, so wie es z.B. bei der Katholisch Integrierten Gemeinde der Fall war, die ja auch in den letzten Wochen in den Medien war wegen ihrer Verbundenheit mit dem verstorbenen Papst Benedikt XVI.“

Da gelte es zu sensibilisieren, sind die Initiatoren der Reihe überzeugt. Das Thema spiritueller und geistlicher Missbrauch beschäftigt die Beratungsstelle für Religions- und Weltanschauungsfragen seit vielen Jahren. Durch einige Veröffentlichungen in den letzten Jahren, z.B. das Buch von Doris Reisinger „Spiritueller Missbrauch in der katholischen Kirche“ ist das Thema in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt. „Wir sind froh, dass die Kirche sich neben dem Thema sexualisierter Missbrauch auch zunehmend für das Thema der spirituellen und geistlichen Gewalt in den eigenen Reihen sensibilisiert. Hier ist sicherlich noch viel zu tun – aber wir wollen mit dieser Veranstaltungsreihe dazu beitragen“, so die Initiatoren der Reihe.

Bisher umfasst die Reihe 4 Themenabende, weitere sind in Planung. Themenwünsche werden gerne entgegengenommen. 

Nähere Infos zu den einzelnen Themenabenden

8.2.23, 18.30 Uhr:
Katholisch Integrierte Gemeinde - zwischen geistlicher Entwicklung und geistlichem Missbrauch
https://bit.ly/3GybTYl

8.3.23, 18.30 Uhr
Priesterbruderschaft Pius X. - zwischen stillschweigender Akzeptanz und Ausschluss aus der Kirche
https://bit.ly/3CDMACP

19.4.23, 18.30 Uhr
Legionäre Christi - zwischen Einfluss und Kritik
https://bit.ly/3W6t7Sf

25.4.23, 18.30 Uhr
Maria 2.0 und 1.0 - zwischen den Polen kirchlicher Reformansätze
https://bit.ly/3vZdYHM

 

Die Teilnahme ist kostenfrei, um eine Anmeldung wird gebeten unter:

02161 980653 oder forum.mg.hs@bistum-aachen.de